top of page

Wenn man alles spürt – außer sich selbst

  • 11. Juni
  • 3 Min. Lesezeit

Eigene Bedürfnisse wahrnehmen, ohne sich für alles verantwortlich zu fühlen


Manche Kinder entwickeln beinahe telepathische Fähigkeiten. Sie merken, dass die Stimmung kippt, bevor sie kippt, als hätte etwas in der Luft gelegen, das nur sie riechen können. Sie erkennen an der Art des Klapperns von Geschirr in der Küche, ob die Mutter froh oder verärgert ist. Sie spüren, wann sie den Papa besser umarmen als ihm widersprechen sollten.


Oft werden aus diesen Kindern Erwachsene, die ihr Gegenüber besser lesen können als sich selbst. Sie bemerken, wenn jemand müde, verletzt oder überfordert ist, ohne dass ein Wort gesprochen wurde. Eigentlich eine wunderbare Fähigkeit, fast eine Superkraft. Nur hat jede Superkraft ihren Preis.


Spiegelung einer Person in einer Pfütze als Symbol für das Wahrnehmen eigener Bedürfnisse und Selbstwahrnehmung
Manche Menschen nehmen die Gefühle anderer sehr genau wahr, verlieren dabei jedoch leicht die Verbindung zu den eigenen Bedürfnissen.

Experten für die Gefühle anderer

Eine Klientin beschrieb einmal, sie fühle sich wie ein Stimmungsseismograph. Wenn ihr Partner abends die Wohnung betrat, wusste sie noch bevor er ein Wort gesprochen hatte, ob er gestresst war. Sie bemerkte nicht nur die geringsten Gefühle und Spannungen anderer, etwa bei der Arbeit. Sie nahm sie oft mit nach Hause, und nicht selten fühlte sie sich auch ein Stück weit dafür verantwortlich.


Gleichzeitig fiel es ihr schwer, eigene Wünsche auszusprechen, selbst wenn sie direkt danach gefragt wurde. Die eigenen Bedürfnisse bemerkte sie oft erst, wenn sie längst übergangen, der Wunsch nach Unterstützung in Enttäuschung umgeschlagen oder aus einem tonlosen „Nein“ ein ärgerliches „Jetzt reicht's mir aber!“ geworden war.


Woher kommt diese Fähigkeit?

Menschen verfügen über die Superkraft „Gefühlsseismograph“ nicht zufällig. Diese Form der Aufmerksamkeit hat eine Geschichte. Bei meiner Klientin begann sie nach der Trennung ihrer Eltern. Keiner hat es von ihr verlangt, natürlich nicht. Aber welches Kind schaut emotionslos zu, wenn der Vater versucht, die Tränen zu verstecken oder die Mutter aus der Haut fährt, bloß weil eine Tasse zu Boden fällt?


Kinder passen sich an ihre Umgebung an wie kleine Chamäleons. Sie wissen, wann sie lieber tapfer als traurig sein und die Mutter zum Lachen bringen sollten oder den Vater lieber in Ruhe lassen, statt mit ihm zu toben. Das war keine bewusste Entscheidung. Es war eine kluge Anpassung an die Realität, in der meine Klientin als Kind lebte.


Aus einer Überlebensstrategie wird eine Ressource

In der therapeutischen Arbeit zeigt sich häufig, dass solche „Superkräfte“ dort entstanden sind, wo sie sinnvoll oder sogar notwendig waren. Das macht sie nicht falsch, ganz im Gegenteil: Die Fähigkeit, Menschen und ihre Stimmungen wahrzunehmen, ist eine Ressource. Viele Menschen wären gern so aufmerksam, empathisch und feinfühlig. Das Problem ist nicht die Superkraft, sondern dass sie nicht reguliert werden kann. Wie ein Radio, das jede Frequenz empfängt, aber keinen Aus-Knopf hat.


Nicht zuständig

Die Lösung besteht nicht darin, weniger empathisch zu sein, die eigene Feinfühligkeit abzulegen und die Superkraft loszuwerden. Sie ist wertvoll: Sie hilft im Beruf, in Freundschaften und innerhalb von Beziehungen.


Früher bemerkte meine Klientin sofort, wenn ihr Partner belastet, traurig oder angespannt war und fragte sich automatisch, ob sie etwas falsch gemacht hat oder wie sie ihm helfen könnte. Heute vmacht sie etwas anderes: Sie übt zu unterscheiden zwischen Mitgefühl und Verantwortung. Sie kann verstehen, wie es einem anderen Menschen geht, ohne sich automatisch dafür zuständig zu fühlen. Die Aufmerksamkeit, die jahrelang fast ausschließlich nach außen gerichtet war, nimmt langsam auch die eigene Person in den Blick. Für meine Klientin war das eine kleine Revolution.

 
 
bottom of page