Mitten im Sturm repariert niemand sein Dach
- 1. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Warum wir manchmal erst Halt brauchen, bevor belastende Erfahrungen verarbeitet werden können
„Wann gehen wir endlich an das eigentliche Thema ran?“ Diese Frage höre ich immer wieder. Klingt nach Ungeduld. Doch dahinter steckt etwas anderes: oft Erschöpfung, manchmal Verzweiflung gepaart mit der Hoffnung, dass nur endlich die richtige Erinnerung gefunden werden muss. Dass man das Richtige bearbeitet. Oder die eine entscheidende Sache versteht. Und dann wird es endlich leichter.

Ich verstehe diesen Wunsch gut. Vor allem, wenn man schon lange kämpft, das Leben ohnehin schon Kraft kostet und man das Gefühl hat, jetzt endlich vorankommen zu müssen.
Im Gespräch zeigt sich dann manchmal, dass jemand seit Monaten schlecht schläft oder die ständige Angst um die Arbeit im Nacken sitzt. Vielleicht ist das Konto schon einige Tage vor Monatsende regelmäßig leer. Der Körper pendelt irgendwo zwischen Anspannung und Erschöpfung. Freundschaften sind weggebrochen und die Familie? Eher Belastung als Unterstützung. Wenn etwas Schlimmes passieren würde - wen anrufen, wer hört wirklich zu?
Trotzdem lautet die verständliche Frage: „Wann fangen wir mit dem eigentlichen Thema an?“ Dabei sind wir längst mittendrin.
Warum Stabilisierung vor der Aufarbeitung kommt
Viele Menschen denken bei Stabilität zuerst an innere Ruhe. Doch Stabilität im Alltag bedeutet auch ganz konkret: Gibt es Menschen, die erreichbar sind, denen ich mich anvertrauen kann, wenn es mir nicht gut geht? Gibt es einen Ort, an dem ich mich sicher fühle? Ist mein Körper gerade halbwegs mit mir im Team? Oder kämpfe ich eigentlich schon an zu vielen Fronten gleichzeitig?
Manchmal schauen wir deshalb zuerst auf Dinge, die auf den ersten Blick wenig mit der eigentlichen Aufarbeitung zu tun haben. Auf Schlaf, Gesundheit, Beziehungen, finanzielle Sorgen oder Überforderung im Alltag. Die Frage dahinter lautet oft nicht: „Was ist damals passiert?“, sondern "Was trägt mich eigentlich durch meinen Alltag? Und welche Methoden kann ich anwenden, um mich selber zu beruhigen, wenn das Herz schlägt bis zum Hals oder unangenehme Gefühle aufsteigen?"
Niemand repariert mitten im Sturm sein Dach
Manchmal bedeutet Therapie zunächst, die Gegenwart etwas stabiler zu machen, nicht weil die Vergangenheit unwichtig wäre, sondern weil niemand mitten im Sturm sein Dach repariert. Wer ohnehin schon mit letzter Kraft versucht, den Alltag zusammenzuhalten, hat oft nicht noch zusätzlich die Kapazität, sich den schwierigsten Erinnerungen zuzuwenden.
Für viele Menschen ist das zunächst ungewohnt. Oder auch enttäuschend. Sie möchten verständlicherweise endlich an den Kern des Problems heran und hoffen, wenn man direkt dort anfängt, wo es weh tut, geht es schneller. Doch unser Inneres funktioniert selten nach der Logik eines möglichst effizienten Reparaturplans. Manchmal ist der schnellste Weg paradoxerweise nicht der direkte Weg.
Was Ressourcen wirklich sind
Wenn in der Therapie von Ressourcen gesprochen wird, denken viele Menschen an positive Erinnerungen oder innere Bilder. Ja, das gehört auch dazu. Doch Ressourcen können sehr viel alltäglicher sein: Eine Freundin, die nicht nur WhatsApp-Nachrichten schreibt, sondern ans Telefon geht, wenn man anruft. Ein Nachbar, der hilft. Ein Hund, der morgens raus möchte. Ein einigermaßen regelmäßiges Einkommen. Zu wissen, dass ein 10.000-Teile-Puzzle hilft, die Gedankenspirale zu stoppen. Eine Atemübung, die leicht fällt und das Herz beruhigt. Eine Wohnung, in der man sich sicher fühlt. Der eigene Körper, wenn er halbwegs mitarbeitet.
Ressourcen sind die Dinge, die uns tragen, ohne dass wir es besonders bemerken, bis sie fehlen.
Wie Stabilisierung manchmal aussieht
Manchmal bedeutet Stabilisierung: Wieder einen Tagesrhythmus zu haben. Zu merken, dass man seit Stunden nur noch flach atmet. Nicht jede Nachricht sofort beantworten zu müssen. Sich nach einem schwierigen Tag nicht zusätzlich dafür zu verurteilen, dass er schwierig war. Die Schultern wahrzunehmen, bevor sie irgendwo auf Ohrhöhe angekommen sind. Oder dem eigenen Körper zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ein bisschen zuzuhören.
Manchmal bedeutet Stabilisierung auch: Überhaupt erst zu merken, wie lange man eigentlich schon nur noch funktioniert.
Viele Menschen sind zunächst irritiert davon. Es wirkt zu klein, irgendwie banal, fast lächerlich. Bis dann doch auffällt, wie wenig selbstverständlich es manchmal ist, sich selbst wahrzunehmen.
Therapie beginnt nicht immer dort, wo wir denken
Wenn jemand gleichzeitig um die eigene Existenz kämpft, kaum schläft, gesundheitlich stark belastet ist und keine verlässlichen Bezugspersonen hat, dann braucht das Nervensystem oft zuerst etwas anderes als Konfrontation. Es braucht Halt.
Das bedeutet nicht, dass die eigentlichen Themen unwichtig sind, im Gegenteil. Oft beginnt die Arbeit genau dort, nur eben anders, als manche es erwarten. Unspektakulärer vielleicht, langsamer. Und ja, manchmal auch frustrierend.
Doch bevor wir uns schwierigen Erinnerungen und Erfahrungen zuwenden können, braucht es oft etwas, das uns hält. Das muss nicht perfekt sein. Aber genug, damit wir nicht mitten im Sturm versuchen müssen, gleichzeitig das Dach zu reparieren.
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