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Kein Dopamin-Event weit und breit

Aktualisiert: 22. Jan.


Ein paar Menschen gehen an einem grauen Wintertag über eine Brücke

Über Wintermüdigkeit, Leerlauf und die unterschätzte Kraft der Pause


Kalt. Grau. Schier endlos, die faden Tage. Die große Sinnenfreude des Dezembers liegt hinter uns -  ein gut gemeintes, leicht überladenes Buffet: gegessen, gefeiert, umarmt. Und nun? Noch so viele Wochen Winter. Ein langer Flur ohne Bilder an den Wänden.


Man kann den Januar schlecht mögen

Er ist weder festlich noch hoffnungsvoll. Nicht einmal bei gutem Willen gemütlich. Winterschlaf wäre jetzt praktisch – aber nein, das Menschlein soll funktionieren. Außen frostig, innen Sparflamme. Überlebensmodus. Der Kalender weiß schon, dass die Tage wieder länger werden, der Körper noch nicht.


Und dann diese Langeweile

Oder ist es eher ein Überdruss? Dieses Warten auf etwas, das sich nicht beschleunigen lässt. Frühling lässt sich nicht antreiben, ist ja kein verspäteter Zug. Er kommt nicht früher, nur weil wir genervt sind. Vielleicht ist genau das der Punkt. Januar ist der Monat, der nichts von uns will. Keine Performance. Keine gute Laune. Keine Entwicklungskurve. Er fragt nicht: Was hast du erreicht? Sondern eher: Was hältst du aus, was machst du, wie fühlst du, wenn gerade nichts passiert?


Kein Dopamin-Event weit und breit

Man könnte meinen, das sei die unpopuläre Aufgabe dieser Zeit. Sie nimmt uns das Spektakel weg und schaut, was übrig bleibt. Was also sauge ich als Honig aus dieser Phase? Vielleicht das Recht, langsamer zu sein als mein eigener Anspruch?  Vielleicht die Erkenntnis, dass Leerlauf kein Fehler ist, sondern Wartung. Vielleicht die fast unverschämte Erlaubnis, nicht „inspiriert“ oder gar „inspirierend“ zu sein – sondern einfach da. Auch wenn manche Nimmermüden mit den Augen rollen.


Der Winter sagt nicht "Mach mehr". Der sagt "Bleib": bei dem Gedanken, den du im Sommer wegschiebt, bei der Frage, die keine schnelle Antwort hat. Und ja – man darf das alles unerquicklich finden. Man darf dem Januar vorwerfen, dass er farblos ist. Aber vielleicht ist er nicht grau, sondern nur unscheinbar. Und wir haben verlernt, das Unscheinbare ernst zu nehmen?


Der Humor, wenn er uns nicht vergangen ist, liegt genau hier: Wir erwarten immerzu Sinn, Sinnlichkeit, Sinnstiftung – und stattdessen ist die Pause-Taste gedrückt. Eine unfotogene, unsexy Pause, der kein glaubwürdiger Social-Media-Post abzuringen ist. Vielleicht will diese Zeit gar nichts sagen oder bedeuten.


Und wenn doch eine Botschaft darin liegt, dann diese: Ich muss gerade nichts werden. Es reicht, zu sein. Mit Tee. Mit Decke. Mit leichtem Widerwillen. Der Frühling kommt. Unbeeindruckt davon, ob und wie wir diese Wochen genutzt haben.

 
 
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